Allergie-Desensibilisierung: Ist das sinnvoll für mein Kind?
Was ist eine Allergie-Desensibilisierung?
Die Allergie-Desensibilisierung, in der Fachsprache „spezifische Immuntherapie“ (SIT) oder „Hyposensibilisierung“ genannt, ist die einzige Behandlung, die eine Allergie an der Ursache bekämpft. Dabei wird das Immunsystem deines Kindes Schritt für Schritt an den allergieauslösenden Stoff gewöhnt, bis die Überreaktion nachlässt. Im Gegensatz zu Allergietabletten oder Nasensprays, die Symptome nur unterdrücken, kann eine Desensibilisierung die Allergie langfristig abschwächen oder im besten Fall ganz zum Verschwinden bringen.

Ab welchem Alter ist eine Allergie-Desensibilisierung möglich?
Eine Desensibilisierung wird in der Regel ab dem 5. Lebensjahr empfohlen. In Ausnahmefällen, zum Beispiel bei schwerer Insektengiftallergie, kann auch früher begonnen werden. Wichtig ist, dass dein Kind alt genug ist, um die Behandlung gut mitzumachen und eventuelle Nebenwirkungen zuverlässig zu beschreiben.
Für welche Allergien ist eine Desensibilisierung geeignet?
Die besten Erfolge zeigt die Desensibilisierung bei Pollenallergien (Heuschnupfen, also Gräser, Birke, Erle, Hasel) und bei Hausstaubmilbenallergie. Hier sprechen die meisten Kinder sehr gut auf die Behandlung an.
Eingesetzt werden kann die Therapie auch bei Insektengiftallergien (Bienen- und Wespengift) und bei Tierallergien (vor allem Katze), allerdings ist der Erfolg bei Tierallergien deutlich geringer als bei Pollen oder Hausstaubmilben.
Bei Nahrungsmittelallergien wird die klassische Desensibilisierung aktuell nicht standardmässig eingesetzt. Es gibt neuere Therapieansätze (z.B. orale Immuntherapie bei Erdnussallergie), die aber nur in spezialisierten Zentren durchgeführt werden.
Wann ist der beste Zeitpunkt zum Starten?
Bei Pollenallergien: Idealerweise im Herbst oder Winter starten, also ausserhalb der Pollensaison. So ist das Immunsystem deines Kindes nicht doppelt belastet.
Bei Hausstaubmilben- oder Insektengiftallergie: Der Start ist ganzjährig möglich.
Grundsätzlich gilt: Je früher im Verlauf einer Allergie behandelt wird, desto besser die Erfolgsaussichten. Eine Desensibilisierung kann auch verhindern, dass sich aus einem Heuschnupfen ein allergisches Asthma entwickelt. Fachleute nennen das „Etagenwechsel“.
Wie läuft die Behandlung ab?
Es gibt zwei Verabreichungsformen:
Spritzen unter die Haut (subkutane Immuntherapie, SCIT): Die Allergenlösung wird in regelmässigen Abständen unter die Haut am Oberarm gespritzt. Das passiert immer in der Kinderarztpraxis oder einer Allergologie-Praxis. Nach jeder Spritze bleibt dein Kind 15 bis 30 Minuten zur Beobachtung in der Praxis.
Tropfen oder Tabletten unter die Zunge (sublinguale Immuntherapie, SLIT): Das Allergen wird täglich als Tropfen oder Schmelztablette unter die Zunge gegeben. Die erste Dosis wird in der Praxis verabreicht, danach führst du die Behandlung zu Hause durch. Am besten morgens vor dem Frühstück, dein Kind behält das Präparat 2 Minuten unter der Zunge, ohne zu schlucken.
Wie laufen die Therapiephasen bei Spritzen ab?
Am Anfang (Aufbauphase) bekommt dein Kind wöchentliche Spritzen mit steigender Dosierung, etwa 3 Monate lang. Danach folgen nochmal 3 bis 4 Spritzen im Monatsabstand. Dann wird bis zum nächsten Herbst pausiert.
Die Spritzentherapie dauert insgesamt mindestens 3 Jahre. Danach hält der Effekt bei den meisten Kindern langfristig an. Bei Bedarf kann die Therapie verlängert werden.
Wie laufen die Therapiephasen bei Tabletten oder Tropfen ab?
Bei Tabletten oder Tropfen muss dein Kind für 3 Jahre jeden Tag eine Tablette oder Tropfen einnehmen. Am Anfang gibt es eine kurze Aufdosierung innerhalb weniger Wochen, danach bleibt die Dosis gleich. Diese Therapieform erfordert eine sehr gute Mitarbeit, weil die tägliche Einnahme über so lange Zeit konsequent durchgehalten werden muss.
Spritzen oder Tabletten – was passt besser?
Beide Formen sind wirksam. Die Spritzen können im Alltag oft einfacher sein, weil kein tägliches Daran-Denken nötig ist – dein Kind kommt einfach regelmässig in die Praxis. Die Tabletten oder Tropfen haben den Vorteil, dass keine Spritzen nötig sind und die Behandlung zu Hause stattfindet, erfordern aber Disziplin bei der täglichen Einnahme über 3 Jahre. Welche Form besser zu eurer Familie passt, besprichst du am besten in der Kinderarztpraxis.
Welche Nebenwirkungen können auftreten bei der Allergie-Desensibilisierung?
Häufig (harmlos): Rötung, Schwellung oder Juckreiz an der Einstichstelle (bei Spritzen). Kribbeln, Juckreiz oder leichte Schwellung im Mund (bei Tropfen oder Tabletten).
Gelegentlich: Leichte allergische Symptome wie Niesen, laufende Nase oder Augenjucken. Leichte Magen-Darm-Beschwerden (bei Tropfen oder Tabletten).
Sehr selten: Schwere allergische Reaktion (Anaphylaxie), deshalb ist die Beobachtungszeit nach Spritzen so wichtig.
Um Nebenwirkungen abzumildern, werden bei Bedarf begleitende Medikamente verordnet, zum Beispiel Allergietabletten (Antihistaminika) oder ein kühlendes Gel (z.B. Fenistil) für lokale Hautreaktionen an der Einstichstelle.
Bei Spritzen bleibt dein Kind nach jeder Injektion 15 bis 30 Minuten in der Praxis. Notfallmedikamente stehen dort immer bereit.
Wie gut sind die Erfolgsaussichten?
Bei konsequenter Durchführung über die vollen 3 bis 5 Jahre zeigen Studien:
Etwa 70 bis 80 % der behandelten Kinder haben deutlich weniger Allergiesymptome. Viele brauchen weniger oder gar keine Allergie-Medikamente mehr. Die Wirkung hält oft viele Jahre über das Therapieende hinaus an. Das Risiko, dass sich allergisches Asthma entwickelt, sinkt nachweislich.
Wann ist eine Desensibilisierung NICHT geeignet?
Eine Desensibilisierung sollte nicht durchgeführt werden bei:
Schwerem, unkontrolliertem Asthma. Akuten Infekten oder Fieber – die Behandlung wird pausiert, bis dein Kind wieder gesund ist. Bestimmten Autoimmunerkrankungen. Schwerer Immunschwäche oder immunsuppressiver Therapie. Einnahme von Beta-Blockern.
Besprich Vorerkrankungen und Medikamente immer vorab in der Kinderarztpraxis oder Allergologie-Praxis.
Was musst du als Elternteil beachten?
Termine konsequent einhalten – Lücken verringern den Therapieerfolg. Bei akuter Erkrankung (Fieber, starke Erkältung) den Termin verschieben und die Praxis informieren. Du und dein Kind bekommt eigene Merkblätter zur Durchführung.
Welche Allergien hat dein Kind?
Der angehängte Allergie-Kalender zeigt dir, wann welche Allergene in der Schweiz besonders aktiv sind – so kannst du besser einschätzen, was hinter den Symptomen deines Kindes stecken könnte.
In Zukunft findest du auf deingesundeskind.ch ein interaktives Tool, mit dem du den Allergie-Kalender passend für dein Kind filtern kannst.
Quellen und weiterführende Informationen
Für Eltern:
swissmom.ch – Allergie-Immuntherapie bei Kindern mit Heuschnupfen
aha! Allergiezentrum Schweiz – Allergenspezifische Immuntherapie (Desensibilisierung)
kinderaerzte-im-netz.de – Allergien: Therapie
Fachlich:
AWMF S2k-Leitlinie – Allergen-Immuntherapie bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen (Pfaar et al., 2022)
DGAKI – Übersichtstabellen zur allergenspezifischen Immuntherapie